75% OFF - SHORT TIME ONLY

DE

OUT OF BRAIN

von Axel Hillebrandt

Zieh die Söckchen aus! Warum du genau hinschauen musst, bevor du Ja sagst

KI generiertes Bild. Hand mit umwickeltem Zeigefinger zeigt auf eine Seite eines gedruckten Dokuments.

Ein fünf Monate alter Säugling wird in die Ambulanz gebracht. Er schreit seit Stunden wie am Spieß. Berührungsempfindlich, untröstlich, schrill. Der Kinderarzt vermutet eine Hirnhautentzündung. Erhöhte Temperatur, Berührungsempfindlichkeit, schrilles Schreien: alles passt. Das Kind wird sofort eingewiesen.

In der Klinik bestätigt sich der Verdacht. Das Bewegen der Beine triggert das Schreien. Auch das deutet auf gereizte Hirnhäute hin. Die Ambulanzschwester druckt schon den Aufklärungsbogen für eine Lumbalpunktion aus. Alles spricht für die Diagnose. Alle Zeichen passen. Aber dann fällt dem behandelnden Arzt (sehr zu empfehlender Content für junge Eltern!) etwas auf. Das Kind trägt noch Söckchen. Gemäß dem Grundsatz "keine Diagnose durch die Hose" zieht er sie aus.

Und sieht einen knallroten, eingeschnürten Zeh. Die Diagnose: Tourniquet-Syndrom. Ein Haar hatte sich um den Zeh gewickelt und schnürte ihn ab. Kein Wunder, dass das Kind schrie. Das tut höllisch weh. Eine Minute mit einem Fadenmesser und er hatte das Problem gelöst. Keine Lumbalpunktion. Keine Hirnhautentzündung. Nur ein übersehenes Detail, das alles erklärt.

 

Confirmation Bias

Was hier passiert ist, hat einen Namen: Confirmation Bias. Bestätigungsfehler. Wenn uns eine Diagnose auf dem Silbertablett serviert wird, neigen wir dazu nur noch die Hinweise zu sehen die dazu passen. Wir hinterfragen nicht mehr. Wir sammeln Beweise für das, was wir schon glauben und übersehen, was nicht passt. Aber jetzt keine Angst vor der Klink oder Arzt haben, ich hoffe Du verstehst den Hinweis.

Der Kinderarzt sah die Symptome. Die Klinik sah dieselben Symptome. Jeder bestätigte den anderen. Und niemand zog die "Söckchen" aus. Das ist aber kein Vorwurf. Das ist menschlich. Unser Gehirn arbeitet so. Es sucht nach Mustern, nach Bestätigung, nach Sicherheit und wir alle kennen das doch aus unserem Leben. Besonders unter Zeitdruck und besonders bei klaren Verdachtsmomenten (z.B. auch bei einem Spiel, wenn man denkt die Antwort zu kennen). Aber genau deshalb ist es gefährlich.

 

Die Übertragung

Was hat das mit Aufträgen zu tun? Mit Bitten? Mit den Dingen die andere von dir wollen? Mehr als Du denkst.

Wenn jemand Dich um etwas bittet, z.B. ein Vorgesetzter, ein Kollege, jemand unter Zeitdruck, kommt diese Bitte selten nackt daher. Sie kommt verpackt, mit Kontext, mit einer Geschichte oder mit einer Begründung, die auf den ersten Blick plausibel klingt. "Ich schaffe das nicht bis zur Deadline, kannst Du das übernehmen?" "Du machst das besser als ich, würdest du das für mich erledigen?" "Es ist ein Notfall, ich brauche Deine Hilfe." Auf den ersten Blick alles logisch und alles nachvollziehbar. Aber hast Du die Söckchen ausgezogen? Hast Du geschaut, was wirklich dahinter steckt?

 

Was Aufträge wirklich sein können

Ein Auftrag ist selten nur ein Auftrag und kann viele Dinge sein. Und solange Du nicht genau hinschaust, wirst Du nicht wissen welches.

Eine Chance.
Jemand traut Dir etwas zu das Du noch nicht gemacht hast. Er testet, ob Du es kannst. Das kann der Anfang von etwas Größerem sein.

Eine Falle.
Jemand weiß dass die Aufgabe scheitern wird. Und will nicht derjenige sein der scheitert. Also gibt er sie Dir. Wenn es schiefgeht warst du es. Wenn es klappt, war er es der delegiert hat.

Willkür.
Jemand hat Macht und nutzt sie, weil er kann. Nicht weil die Aufgabe sinnvoll ist oder weil Du die richtige Person dafür bist. Sondern weil er entscheiden kann und Du nicht.

Bequemlichkeit.
Jemand könnte es selbst machen. Aber warum sollte er, wenn Du es machst? Er testet, wie weit Du gehst. Wie oft Du Ja sagst. Wie viel Du kompensierst was er nicht leisten will.

Inkompetenz.
Jemand kann es wirklich nicht. Er hat es nie gelernt, will es nicht lernen und wird es nie lernen. Aber solange Du einspringst muss er nicht. Du wirst zum System das seine Unfähigkeit verdeckt.

Echte Not.
Manchmal ist es tatsächlich ein Notfall und jemand braucht wirklich Hilfe und die Bitte ist echt.

Das Problem dabei ist, von außen sehen sie alle gleich aus und solange Du die Söckchen nicht ausziehst, wirst du nicht wissen welche es ist.

 

Ein Beispiel aus der Praxis

Ich habe einmal für eine Vorgesetzte gearbeitet, die Aufgaben delegierte, die eigentlich ihre waren. Nicht weil sie keine Zeit hatte, sondern weil sie das Ergebnis nicht verantworten wollte.

War es gut, war es ihre Idee. War es schlecht, war ich unfähig. Das fiel mir nicht sofort auf und ich dokumentierte nichts, weil alles mündlich geklärt wurde und ich gutgläubig gewesen bin. Die erste Aufgabe klang logisch. Die zweite auch. Erst beim dritten Mal bemerkte ich das Muster: Ich bekam immer die Aufgaben, bei denen das Risiko hoch war. Die, bei denen Scheitern wahrscheinlich war und zu meinem Nachteil gesehen werden konnte. Die, die politisch heikel waren.

Sie delegierte nicht. Sie schob ab und das war Verantwortung ohne Konsequenz. Oder eben Lob ohne Arbeit, wie auch Schuld ohne Beteiligung. Das Perfide daran: Es funktionierte. Weil ich weder die Söckchen ausgezogen hatte, noch weil ich nicht gefragt hatte: Warum ich? Warum diese Aufgabe? Warum jetzt? Ich nahm es als "einfache Delegation, als Hilfegesuch" an.

Und hier ist der Punkt den viele (mich eingeschlossen) nicht sehen woll(t)en: Das hat nichts mit Geschlecht zu tun. Machtmissbrauch funktioniert geschlechtsunabhängig. Männer machen es. Frauen machen es. Wer Macht hat und charakterlos ist, nutzt sie aus. Das ist keine Frage von Feminismus oder Patriarchat. Das ist eine Frage von Charakter.

Wie ich in meinem Artikel über Gleichstellung geschrieben habe: Ideologie endet dort, wo Macht beginnt. Und Macht kennt kein Geschlecht!

 

Die Esel-Grenze

Es gibt eine Geschichte über einen Esel und einen Tiger.

Der Esel sagte zum Tiger: Das Gras ist blau.

Der Tiger widersprach: Nein, das Gras ist grün.

Sie stritten bis sie zum Löwen gingen, dem König des Dschungels.

Der Esel rief: Löwe, das Gras ist doch blau, oder?

Der Löwe antwortete: Ja, das Gras ist blau.

Der Esel jubelte und verlangte eine Strafe für den Tiger.

Der Löwe sprach: Der Tiger wird zu fünf Tagen Schweigen verurteilt.

Der Esel lief glücklich davon, immer wieder murmelnd: Das Gras ist blau.

Verwirrt fragte der Tiger den Löwen: Löwe, das Gras ist doch grün. Warum dann die Strafe?

Der Löwe nickte: Ja, das Gras ist grün. Du hast recht. Aber du hast mit einem Narren gestritten. Der Esel wollte keine Wahrheit, er wollte nur gewinnen. Und Du, lieber Tiger, hast deine Zeit verschwendet.

 

Was das bedeutet

Es gibt Menschen mit denen Diskussion Zeitverschwendung ist. Nicht weil sie "dumm" sind, sondern weil ihnen die Wahrheit egal ist. Sie wollen nicht verstehen, denn Sie wollen gewinnen. Das Gleiche gilt für Aufträge. Es gibt Menschen die Dir Aufgaben geben, nicht weil sie dich fördern wollen. Nicht weil es sinnvoll ist. Sondern weil sie Dich nutzen wollen. Weil sie testen, wie weit Du gehst. Weil sie Dich als Ressource sehen und nicht als Mensch.

Und solange Du nicht die Söckchen ausziehst, wirst du das nicht erkennen.

 

Take-Home-Messages

  1. Zieh die Söckchen aus und schau genau hin, bevor Du Ja sagst. Was steht wirklich hinter dieser Bitte? Ist es eine Chance? Ein Test? Willkür? Bequemlichkeit? Oder echte Not?

  2. Confirmation Bias erkennen. Wenn Dir jemand einen Auftrag gibt und ihn sofort begründet, wie z.B. mit Zeitdruck, mit Dringlichkeit, mit Schmeichelei - sei vorsichtig. Das kann echt sein. Es kann auch Manipulation sein. Sammle nicht nur die Beweise die zur Begründung passen. Such auch die, die nicht passen.

  3. Die Esel-Grenze ziehen. Es gibt Menschen mit denen Du nicht diskutieren solltest. Mit denen Du keine Aufträge annehmen solltest. Die nur nehmen, nie geben, nur gewinnen wollen und nie verstehen. Erkenne sie früh und verschwende Deine Zeit nicht.

  4. Thematisiere es im Nachgang. Wenn jemand Dich im Notfall bittet, weil er etwas nicht kann oder Du es so interpretierst ==> hilf. Aber sprich es danach an, ncht als Vorwurf. Als Angebot. "Ich zeige Dir, wie das geht." Wenn er lernen will ist es eine Investition. Wenn er nicht lernen will weißt Du: Es war Bequemlichkeit. Nicht Not.

  5. Schütze Deine Energie. Deine Zeit ist zu wertvoll um sie an Narren zu verschwenden. An Menschen die Dich ausnutzen, an Strukturen die Dich verbrennen. Versuch zu erkennen, wann jemand ein Haar um Deinen Zeh wickelt und zieh es ab bevor es zu einschnürrt.

Folge mir

E-Mail: axel(at)axelhillebrandt.de

Erstellt mit Empathie © 2026.
Einstellungen gespeichert
Datenschutzeinstellungen

Unsere Website verwendet ausschließlich Cookies, die für den Betrieb der Seite technisch notwendig sind. Hierzu zählen insbesondere Session-Cookies, mit denen Ihre Eingaben während eines Besuchs unserer Website technisch zugeordnet werden können. Diese Cookies werden in der Regel nach dem Ende Ihrer Sitzung automatisch gelöscht. Es werden keine Analyse- oder Tracking-Cookies eingesetzt und es findet kein Profiling statt. Die Verarbeitung erfolgt auf Grundlage von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO aus unserem berechtigten Interesse an einer technisch fehlerfreien und sicheren Bereitstellung unserer Website.

Technisch erforderliche Cookies werden immer geladen.

Die Verarbeitung erfolgt auf Grundlage von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO aus unserem berechtigten Interesse an einer technisch fehlerfreien und sicheren Bereitstellung unserer Website.

Shift+Alt+A ESC to Close
Bedienungshilfen
Shortcuts
Shift + Alt + M
Shift + Alt + I
Shift + Alt + E
Shift + Alt + D
Shift + Alt + O
You are using an outdated browser. The website may not be displayed correctly.